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Gehört zum “Weltgenußerbe”: der Madeira-Wein

Blick auf den Hafen von Funchal, dem Zentrum des Weinhandels auf Madeira

Blick auf den Hafen von Funchal, dem Zentrum des Weinhandels auf Madeira

Vor ca. 3 Jahren habe ich an dieser Stelle ein Plädoyer für die Aufnahme bestimmter Aspekte der Weinkultur in das Weltkulturerbe der UNESCO veröffentlicht. Dazu gehören aus heutiger Sicht unbedingt auch die „Südweine“, jene mit reinem Alkohol verstärkten, süßen Kreszenzen aus dem europäischen Süden. Sherry (einschließlich der Weine aus Montilla-Moriles), Port, Málaga, Marsala und Samos waren, und sind teilweise noch immer magische Namen, die leider langsam in Vergessenheit geraten – hätten sie nicht längst Eingang in die Weltliteratur gefunden. Kürzlich, bei einem Besuch der schönen Blumeninsel im Atlantik ist noch ein weiterer, vom Aussterben bedrohter in mein Bewusstsein katapultiert worden: der grandiose Madeira-Wein.

Am 4. Juli 1776 dem Tag der Verabschiedung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika hat der große Weinfreund Thomas Jefferson, Verfasser des Dokuments und später der 3. Präsident des Landes, zur Feier des Tages den Anwesenden Madeira-Wein kredenzt (übrigens, Weine aus seinem Keller werden noch heute zu hohen Preisen gehandelt, sofern es sich nicht um Fälschungen handelt). Seit der Kolonialisierung der Insel im 16. Jahrhundert durch die Portugiesen gibt es diesen Wein, der auf etwa 400 der insgesamt 732 Quadratkilometer Inseloberfläche wächst. Zur Unterbrechung der Gärung für die Süßreserve und für die bessere Haltbarkeit während der Verschiffung auf die britischen Inseln, dem wichtigsten Markt, wurde er mit Weinalkohol aufgespritet. Außerdem spielen Sauerstoff und Hitze eine große Rolle beim manchmal jahrzehntelangen Ausbau der Weine.

Sämtliche Aromen des "Mercado dos Lavadores" finden sich im gereiften Madeira-Wein

Sämtliche Aromen des “Mercado dos Lavadores” in Funchal finden sich im gereiften Madeira-Wein

Unter den Dächern der sonnenbestrahlten Kellereien erreicht der Inhalt der Weinfässer Temperaturen zwischen 45 und 75 °C, wodurch der Fruchtzucker teilweise karamellisiert während die Oxydation die typisch nussigen Töne erzeugt. Diese sog. „Canteiro-Methode“ ergibt Weine von immenser Duft- und Geschmacksintensität. In diesem üppigen Strauss von Sinneswahrnehmungen finden sich u. a. Trockenfrüchte, Honig, Kaffee, Schokolade, Karamell, Orangenschale, Aprikose, Toffee, Vanille und Konfitüre gelber Früchte. Dazu kommen Terpentinnoten wie Bohnerwachs oder Schuhcreme, Petroltöne bis hin zu medizinischen Nuancen. Nicht selten wird das sinnliche Erlebnis durch einen langen zart-bitteren Abgang gekrönt.

Je nach Restzuckergehalt unterscheidet man zwischen Weinen folgender Geschmacksrichtungen dry (trocken), medium-dry (halbtrocken), medium-sweet (halbsüß), und sweet (süß), die jeweils aus den Rebsorten Sercial, Verdelho, Gouveio, Bual, Malmsey (=Malvasia), Tinta Negra Mole und Terrantez bestehen können. Da der Fertigungsprozess des Madeira die Primäraromen der Trauben völlig in den Hintergrund treten lässt, bestimmt die Rebsorte ausschließlich den Säuregrad im Wein, und damit auch die Wahrnehmung des Restzuckers – den alle Weine in unterschiedlichen Mengen enthalten (z.B. ein “trockener” Madeira bis zu 50 g/l, bei 6,3 g/l Säure!)

Der Madeira-Wein ist eine äußerst komplexe Angelegenheit und ich habe den Verdacht, dass der Geschmack der Genießer im beginnenden 21. Jahrhundert merkwürdig eindimensional geworden ist. Eine klare, schnörkellose Linie in  Aromatik und Struktur sowie einfache Wiedererkennbarkeit sind zum Qualitätsstandard für “moderne” Weine geworden und lassen ungewöhnliche Charaktere im wahrsten Sinne des Wortes “alt” aussehen. Ein hoher Alkoholgehalt und viel Restzucker im Wein entsprechen nicht dem geschmacklichen Zeitgeist und im Falle von Madeira-Wein braucht man schon eine große Offenheit für Sinneseindrücke für die man dann allerdings sehr reichlich belohnt wird!

 

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