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Fastenzeit, Zeit des Verzichts?

Ein Schlösschen an der Loire (Cheverny) kann glücklich machen, muss aber nicht!

Ein kleines Schlösschen an der Loire (Cheverny) kann auch glücklich machen, muss aber nicht zwangsläufig!

Am vergangenen Aschermittwoch begann die Fastenzeit und manch ein Genießer hat sich da wohl wieder einmal vorgenommen bis zum Ostersonntag keinen Alkohol mehr zu trinken, keine Schokolade mehr zu essen oder keine Zigarren mehr zu rauchen. Der guten Vorsätze gibt es beinahe so viele wie es Menschen gibt und sehr häufig stehen sie mit Verzicht auf  einen geliebten Genuss in Verbindung. Verzicht kann gelegentlich für Geist und die Gesundheit tatsächlich nützlich sein, denn er zeigt dem Verzichtenden, dass sie/er nicht abhängig von dem vermeintlichen Laster ist.

Aber es gibt noch andere Abhängigkeiten bzw. Zwänge, die uns fest im Griff haben: Arbeit, Reisen, gesellschaftlicher und beruflicher Erfolg. Warum nehmen sich die Menschen nicht vor, während der Fastenzeit weniger zu arbeiten, die unmittelbare Heimat rund um den eigenen Wohnort zu ergründen, nervige Parties abzusagen oder dem Chef mal „nein“ zu sagen bzw. Aufträge einfach abzulehnen? Das wären unter Umständen auch sehr gesundheitsfördernde Verzichte.

Vergangenen Sommer hatte ich mich in die Berge der Alpujarras zurückgezogen und ganz bewusst nichts von Belang getan, außer mir regelmäßig Essen zubereitet wofür ich gelegentlich im Dorf eingekauft habe. Ich habe Wein und Bier getrunken und mir damit die Abende unter dem leuchtenden Sternenhimmel um die Ohren geschlagen. In meinem eigenen Verständnis habe ich sehr bewusst gelebt, jeden Atemzug genossen, jedes Geräusch vernommen, das Licht und die Wärme empfunden und ein tiefes Glückgefühl gespürt.

Dies habe ich später, mit ähnlichen Worten, einem gleichaltrigen Freund erzählt, der als emeritierter Universitätsprofessor noch immer ein kaum zu bremsender Aktivist ist. Ich müsse das alles ja für mich selbst gedanklich so zurechtlegen, damit ich nicht an meiner Faulheit verzweifle, gab er mir zu verstehen. Für ihn ist die Beschäftigung mit Aufgaben, egal welcher Art, ein Lebensziel und die einzig adäquate Daseinsform intelligenter Menschen. Das Gerede vom „Sein“ sei vielleicht gut zur Frustrationsbewältigung, aber wirkliche Befriedigung gäbe es nicht, denn „sein“ sei keine Leistung und nur eine vollbrachte Leistung könne den Menschen wirklich glücklich machen.

So kamen wir  zu dem Schluss, dass wir beide, aus Sicht des jeweils anderen, ganz arme Schlucker seien. Der eine faulenzt weil beschäftigungslos und gelangweilt, der andere ist ein notorischer Aktivist weil er Angst vor der Leere des Daseins hat. Ich maße mir nicht an die beiden Verhaltensweisen gegeneinander abzuwägen oder zu werten, sondern möchte nur dafür plädieren einen Mittelweg zu gehen und bei aller Geschäftigkeit ab und zu mal loszulassen. Die Fastenzeit ist eine sehr gute Gelegenheit dafür!

 

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