Drucken Drucken Artikel weiterempfehlen Artikel weiterempfehlen

Wichtiges Element im Weinjournalismus: die Prospektion

Hohe Qualität, lange Lagerfähigkeit ohne Schwefeldioxyd?

Für den Wert eines Weines ist die prospektive Beurteilung seiner Entwicklung wichtig.

Die Bedeutung der sog. „Weinkritiker“ für die Vermarktung von Weinen kann eigentlich nicht überschätzt werden. Hohe Bewertungen von bekannten Journalisten können die Umsätze in die Höhe schnellen lassen, selbst wenn der betreffende Tropfen nach Meinung des Autors noch gar nicht „trinkreif“ ist. Eine der ganz wichtigen Funktionen eines professionellen Weinbeschreibers ist die sog. „Prospektion”. Dies bedeutet, dass er die Qualität eines Weines prospektiv beurteilen muss, anders ausgedrückt, er sollte eine Ahnung haben wie sich der Wein entwickeln wird, den er gerade beschreibt.. Die Trinkqualität eines Weines ist an einem bestimmten Zeitpunkt nicht absolut objektivierbar. Viele Kreszenzen erreichen erst nach einer längeren Lagerzeit ihre Trinkreife, ein Umstand der sich zum Zeitpunkt des Genusses einem ungeübten Weintrinker nicht unbedingt zu offenbaren braucht. Der Kritiker aber muss das Potential des Weins aufgrund seiner persönlichen Erfahrung beurteilen können. Damit legt er auch in gewissem Sinne den kommerziellen Wert eines Weines fest.

Dies scheint verhältnismäßig einfach bei den ganz großen Gewächsen dieser Welt, weil man auf einen nicht unerheblichen, publizierten Erfahrungsschatz aus Jahrzehnten zurückgreifen kann, und Variationen von Jahr zu Jahr im jeweiligen Rebgut oder in der Kellertechnik praktisch ausgeschlossen sind. Meist werden diese Weine auch wesentlich sorgfältiger gelagert, so dass Unterschiede von Flasche zu Flasche meist geringer sind. Es bleiben dann tatsächlich nur die Jahrgangsschwankungen. Sehr viel anders verhält es sich bei dem Gros der guten Mittelklasseweine. Auch sie werden natürlich von den Fachjournalisten „prospektiv“ beurteilt, nur ist ihre Verweildauer im Weinkeller des Konsumenten meist deutlich kürzer und dies bewirkt, dass man sich seltener um Entwicklungsprognosen kümmert.

Mein Freund hat einen beeindruckenden Weinkeller, in dem sich neben vielen großen „crus“ auch sehr schöne „Konsumweine“ aus fast allen Weinbaugebieten der Erde befinden. Manche Kreszenzen davon haben über 30 Jahre auf dem Buckel. Dank des Internets ist es heute ja relativ einfach möglich die Beschreibungen älterer Weine zur Zeit ihrer Markteinführung zu bekommen. Was für Diskrepanzen es da gelegentlich doch gibt! Manche Inhalte der länger gelagerten Flaschen haben mit der ursprünglichen Beschreibung überhaupt nichts zu tun. Es passiert allzu oft, dass Weine, denen eine deutlich längere Lebenszeit bescheinigt wurde, eindeutig „hinüber“ sind, während sich andere, deren vorgesehene Zeit schon längst abgelaufen ist, sich hervorragend präsentieren. Der Wein ist ein lebendiges Getränk und während der Flaschenreife können biologische Prozesse ablaufen, die den Wein qualitativ total verändern, d.h. weder verbessern noch verschlechtern sondern tatsächlich verändern.

Wenn Sie ein paar ältere Flaschen im Keller liegen haben, machen Sie doch mal die Probe aufs Exempel: besorgen Sie sich die Beschreibungen des Weins aus der Zeit als Sie ihn gekauft haben und schauen Sie was davon noch gültig ist. Ich garantiere Ihnen erstaunliche Einsichten!

 

Diskussion geschlossen.