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Es gibt keine guten Weine, sondern nur gute Flaschen

Bereits die Farbe lässt erkennen, dass der Inhalt von zwei Flaschen unterschiedlich ist

Bereits die Farbe lässt erkennen, dass der Inhalt von zwei Flaschen unterschiedlich ist

Der Titel dieses Beitrags klingt wie ein althergebrachtes Klischee, und trotzdem ist die Aussage völlig richtig. Fast jedem Weinfreund ist es schon mal passiert, dass zwei Flaschen des selben Weins, zur gleichen Zeit gekauft und nach ein paar Jahren gleichzeitig geöffnet, zwei völlig verschiedene Weine zu sein schienen. Wie kann das sein? Wir haben es in der Tat mit einem Phänomen zu tun, das uns sehr deutlich sagt, dass der Wein – selbst abgefüllt auf die Flasche – noch ein quicklebendiges Produkt ist und auf kleinste Veränderung seiner Reifebedingungen reagieren kann. Nachfolgend möchte ich stichwortartig versuchen die wichtigsten Gründe für das Phänomen der  möglichen Qualitätsschwankungen von Flasche zu Flasche aufzuführen.

Natürlich kann es mal vorkommen, dass tatsächliche Unterschiede im Flascheninhalt bestehen, z. B. durch verschiedene Abfüllungen in der Kellerei vom großen Stahltank zu unterschiedlichen Zeiten. Bei hoch dekorierten und teuren Weinen muss man auch immer an einen möglichen Betrug denken. Zwei der wichtigsten Gründe für Schwankungen in der Beschaffenheit des Flascheninhalts sind vermutlich zu niedrige Konzentrationen von Schwefeldioxyd (SO2) oder zu viel gelöster Sauerstoff (O2). Beides kann die Weine außerordentlich anfällig für kleinste physikalische Variationen während ihrer Lagerung machen. Die Art des Flaschenverschlusses kann dabei eine erhebliche Rolle spielen. Auf die Problematik des Korkens und anderer Verschlusstechniken habe ich an dieser Stelle vielfach hingewiesen. Mangel an SO2 kann u. a. zum Wachstum von Brettanomyces-Hefen, die aus dem Weinkeller stammen, in einzelnen Flaschen führen und diese wiederum können den Geschmack dann erheblich (gelegentlich positiv, meist aber negativ) verändern. Die Flaschengröße spielt für die Reifung des Weins eine bedeutende Rolle. Das hängt mit der Menge des O2 zwischen der Schulter und dem Verschluss zusammen: Der Raum im Flaschenhals ist ja bei jeder Flaschengröße praktisch immer gleich groß nur die Weinmenge ändert sich, d.h. je größer die Flasche desto weniger O2 steht für den Wein zur Oxydation zur Verfügung.

Zwei der wichtigsten Faktoren  für potentielle Unterschiede von Flasche zu Flasche sind zum einen die Temperatur der Lagerung und zum anderen natürlich die Zeit, die der Wein in seinem Behältnis zugebracht hat. Nach dem Gesagten ist es eigentlich selbstverständlich, dass das Risiko für Veränderungen mit zunehmender Lagerzeit und/oder Temperatur erheblich steigt. Bei hohen Temperaturen beschleunigen sich die chemischen und physikalischen Prozesse nämlich gewaltig. An diesem Punkt der Diskussion sagt der wahre Weinfreak, dass genau hier das Faszinosum alter Weine liegt, denn man kann eben nicht genau abschätzen, was einen nach dem Öffnen der Flasche erwartet. Es kann Himmel oder Hölle sein, in jedem Fall aber ist es spannend!

 

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