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Neue Architektur in der Rioja

Neue Architektur bei Marqués de Riscal, Elciego

Neue Architektur bei Marqués de Riscal, Elciego

Wer offenen Auges durch die schöne Landschaft der Rioja fährt, dem fallen vielerorts die Baukräne auf, die auf ein Phänomen aufmerksam machen, welches schon beinahe zu einem neuen Markenzeichen des Gebietes geworden ist, die innovative Architektur der Kellereien. Die Erkenntnis, daß die Funktion einer Kellerei auch in eine ästhetisch ansprechende Form gebracht werden kann ist selbstverständlich nicht neu. Prototypen derariger Gebäude sind natürlich die französischen Chateaux. Häufig ist das Bauwerk selbst zum Symbol der jeweiligen Marke geworden und prangt auf dem Flaschenetikett. Auch in der Rioja gibt es eine kleine Tradition dieser Art. Z.B. im Bahnhofsviertel von Haro, mitten in der Rioja Alta, steht eines jener architektonischen Dokumente, das den Wunsch nach Ausdruck des Zeitgeistes an einer Bodega verwirklicht hat: die Kellerei von „Lopez Heredia Viña Tondonia”. Ihr weithin sichtbarer Jugendstilturm, einer stilechten Konstruktion aus Stein und Holz ist beinahe zum Wahrzeichen der gesamten Weinregion geworden. So sehr, daß die benachbarte Kellerei „Muga” einen schlankeren, von der Form her ähnlich gestalteten Turm an ihre Bodega gebaut hat.

Vermutlich ist jedem, der sich ein wenig mit moderner Architektur beschäftigt hat, der Name Frank Gehry geläufig. Seine architektonischen Titancollagen wie das Guggenheim-Museum in Bilbao oder die Freilichtbühne in Chicago´s Millenium Park haben in der Rioja eine bemerkenswerte Ergänzung erhalten: die Kellerei von „Marqués de Riscal” in Elciego in der Rioja Alavesa. Eigentlich ist der Gehry-Bau ein Anbau der Bodega in dem ein Hotel und ein Restaurant untergebracht sind, beides gehört zur „Luxury Collection” der Sheraton-Kette. Bereits aus der Ferne erkennt man die elegant geschwungenen, rosé- grün und silberfarbenen Titanblätter am Gebäude. Trotz ihrer ungewöhnlichen Formen und Farben fügen sie sich harmonisch in die Landschaft, deren Hintergrund vom Kirchturm von Elciego beherrscht wird. Der grandiose Anblick wird erst richtig zum Raumerlebnis, wenn man sich direkt davor befindet. Ich konnte mich an den vielen Perspektiven, die sich aus der Architektur ergeben kaum satt sehen, immer wieder eröffnete sich ein neuer Blickwinkel durch die glänzenden Metallumrahmungen auf die umgebende Landschaft. Eine Mitarbeiterin der Kellerei eröffnete mir, daß der Architekt mit diesem Gebäude einen Rebstock symbolisch darstellen wollte. Dieser Erklärung konnte ich nicht ganz folgen, was dem Genuß und der Freude an diesem Bauwerk aber keinen Abbruch tat. Leider ist der Zutritt zu dieser absoluten Sehenswürdigkeit nicht ganz so einfach. Man muß sich entweder einer offiziellen Führung anschliessen oder im Restaurant bzw. Hotel einen Platz bzw. ein Zimmer reservieren (eine Übernachtung im Doppelzimmer kostet zwischen 350 und 700 Euro!).

Santiago Calatrava´s Ysios-Kellerei
Santiago Calatrava´s Ysios-Kellerei

Ein paar Kilometer hinter Laguardia geht eine kleine Strasse zur Kellerei „Ysios”. Schon von weitem erkennt man am Fuße der mächtigen Berge der Sierra de Cantabria das langgestreckte Gebäude mit seinem charakteristischen Wellendach. Auch hier hat sich ein berühmter Baumeister im Jahre 2001 ein Denkmal geschaffen: Santiago Calatrava. Der Architekt aus Valencia zeichnet in seiner Heimatstadt für die „ Ciudad de las Artes y de las Ciencias” (Stadt der Künste und der Wissenschaften) mit der extravaganten Oper verantwortlich. Gemessen an seinen sonstigen, futuristischen Gebäuden ist „Ysios” beinahe klassisch. Das aus aluminiumverkleideten Balken bestehende Dach ruht auf einer zedernholzverkleideten Front und davor befindet sich ein langgestrecktes Wasserbecken in dem sich die Architektur wiederspiegelt. Das ganze Gebäude fügt sich auf eine fast magische Weise in die umgebende Landschaft, ja man hat geradezu das Gefühl als sei es selbst ein Teil dieser geworden. Ich kenne keine andere Kellerei deren Bauwerk intensiver und harmonischer mit seiner Umgebung verschmolzen ist.

Neben den beiden oben genannten Gebäuden, die in gewisser Weise die Flaggschiffe der neuen Architektur im Weinbaugebiet der Rioja bilden, sind noch andere erwähnens- und besuchenswert. Die „Bodegas Antión” in der Nähe von Elciego an der Strasse nach Villabuena sind vom lokalen Architekten Jesús Marino Pascual entworfen worden und stellen mit ihrem Rundbau und dem wabenförmig aufgeteilten Trakt einen gewaltigen Blickfang in der Landschaft dar. Einen ähnlichen Eindruck hinterlassen die neuen „Bodegas Viña Real”. Man findet sie zwischen Logroño und Laguardia und erkennt sie schon von Weitem als ein oberes Viertel eines in den Boden eingegrabenen riesigen Barriques auf dem Gipfel eines Hügels. Der Franzose Philippe Mazières hat es entworfen und eingerichtet. Mein persönlicher Liebling der neuen Kellereiarchitektur in der Rioja sind die „Bodegas Baigorri” des Basken Iñaki Azpiazu (er ist auch für die neuen Verkaufs- und Gesellschaftsräume am erwähnten „Muga”-Turm zuständig gewesen). Sie befinden sich an einem Hang in der Nähe von Samaniego an der A124. Ihre luftige Glaskonstruktion hat etwas vom Bauhaus und erinnert entfernt sogar an einen japanischen Pavillon.. Das meiste der technischen Einrichtungen befindet sich unter der Erde und vom Barriquekeller, der tief unten liegt, kann man direkt in die Weinberge gehen.

Wie bei der Kellerei Marqués de Riscal das beigefügte Gehry-Hotel für gute PR sorgte, erledigte dies bei Viña Tondonia im Bahnhofsviertel von Haro der neue Verkaufspavillon. Er wurde von der in London lebenden Irakerin und Kultarchitektin Zaha Hadid gestaltet. In Deutschland wurde sie 2004 bekannt durch die Gestaltung des Zentralgebäudes im BMW Werk in Leipzig, wofür sie 2005 den Deutschen Architekturpreis erhalten hat In Hadids Anbau bei Tondonia befindet sich im Inneren eines überdimensioniert großen, lichten Dekanters ein kleiner Verkaufsstand im Jugendstildesign und eine Sitzgruppe für Kunden. Das ganze ist eine gelungene Kombination von Architektur des frühem 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Noch etliche Kellereien verdienten hier Erwähnung, so die „Bodegas Juan Alcorta” in Logroño des Architekten Ignacio Quemada, „Regalía de Ollauri” von Javier Arizcuren und „Darien” von Jesús Marino Pascual, dem bereits erwähnten Schöpfer von „Antión”. Jede Auswahl ist naturgemäß subjektiv, so auch diese. In den genannten Gebäuden spiegelt sich die neue Seele der Rioja, so wie ich sie sehe und empfinde.

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