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Michel de Montaigne und unsere Trinkgewohnheiten

Denke ich an Michel de Montaigne sehe ich den berühmten Turm im Schloß Montaigne im Perigord mit dem Arbeitszimmer und der Bibliothek des Meisters vor mir, in dem mir einst beim Besuch ein metapysischer Schauer angesichts der Würde dieses Ortes über den Rücken lief. Aber ich denke auch an Montaignes Beziehungen zum Wein, den er ja selbst um das Schloß angepflanzt hatte und aus vollem Herzen genoß. Der große Kenner der menschlichen Psyche lebte in der Mitte des 16. Jahrhunderts und sein berühmtestes literarisches Werk sind die „Essais”, eine Textsammlung zu Fragen des Lebens aus der eine enorme Lebenserfahrung und Aktualität spricht. Diese „Essais” sind ausserordentlich erfrischend zu lesen, denn aus ihnen spricht jemand, der die menschlichen Schwächen verstand und akzeptierte und über die Beschränkungen menschlichen Geistes sehr gut Bescheid wusste.

Montaigne hat sich auch mit der „Trunksucht” beschäftigt und in diesem „Essai” lesen wir voller Erstaunen, daß sich die Deutschen ganz besonders gerne diesem „ganz und gar leiblichen und erdgebundenen” Laster hingeben. „Der ärgste Zustand des Menschen ist der, in dem er das Bewußtsein und die Beherrschung seiner selbst verliert. Und man sagt davon unter anderen Dingen, wie der gärende Most in einem Fasse alles, was auf dem Boden liegt, in die Höhe treibe, so bringe der Wein bei denen die sich ihm übermäßig hingegeben haben, die verborgensten Geheimnisse zum Vorschein”. Aus diesen Zeilen spricht Kritik am übermässigen Trinken. Aber Montaigne hat auch einen guten Ratschlag für den Vieltrinker, „Feinschmeckerei und sorgfältiges Kosten der Weine sind dabei fehl am Orte. Wenn ihr eure Lust darin sucht, zur Gaumenweide zu trinken, so setzt ihr euch der Unlust aus, oft sauer zu trinken. Man muß eine gemeinere und anspruchslosere Zunge haben. Um ein guter Trinker zu sein, darf man keinen so zarten Gaumen besitzen.” Und er fährt fort: „Die Deutschen trinken sozusagen jedes Gewächs mit dem gleichen Vergnügen. Ihnen kommt es mehr darauf an, es durch die Gurgel zu jagen, als es zu schmecken. Sie kommen dabei weit besser weg. Ihre Lust ist üppiger und leichter zur Hand”. Die verfeinerte Art der Franzosen Wein zu trinken erfährt hier eine versteckte Absage. Sie unterdrückt nämlich das Lustprinzip und macht von den Gaben des Weingottes „zu kümmerlichen Gebrauch”. Ob diese Unterschiede zwischen französischem und deutschem Weingenuß heute noch existieren mag dahingestellt sein, eines wird aus dieser Gegenüberstellung jedoch ganz deutlich: es gab und gibt erhebliche nationale Differenzen zwischen den europäischen Weintrinkern. Übrigens, die große Liebe der Germanen zum alkoholischen Getränk wurde uns schon von Tacitus in seinem Buch „De origine et situ Germanorum” aus dem ersten Jahrhundert n. Chr. überliefert. Darin heißt es „dem Durst gegenüber beachten sie nicht die sonstige Mäßigkeit”.

Schliesslich gibt Montaigne uns sogar noch einen Hinweis auf die Quantität des Weines, die einige Menschen damals wohl mühelos trinken konnten: „Ich habe zu meiner Zeit einen großen Herren gekannt, einen Mann von hohen Taten und glanzvollen Erfolgen, der ohne Anstrengung und im Zuge seiner gewöhnlichen Mahlzeiten nicht weniger als seine fünf Lot Wein (ca. 20 Liter) leerte.” War er ein Franzose oder ein Deutscher? Dies sind mittelalterliche Dimensionen, und ich frage mich wie der Körper jener Menschen mit diesen Flüssigkeitsmengen fertig werden konnte, nicht zu reden vom Alkohol.

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