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Ist Wein aus Hochlagen tatsächlich gesünder?

Die Höhenlage Cerro de la Retama
Das “Terroir d´altitude” des
Cerro de la Retama

Neben den Bergen in der spanischen Provinz Granada, der Heimat der Bodega Los Barrancos, gibt es in Europa Weinbau in Hochlagen in Aosta in Nord-West-Italien, im Schweizer Wallis, auf Cypern und auf den Kanarischen Inseln, ebenso wie in Argentinien und sehr vereinzelt noch in Nepal und im Königreich Bhutan. Hochlagen wie z.B. El Arenal in der Gegend des argentinischen Salta ist mit über 3.000 m.ü.M. einer der höchsten Rebgärten der Welt. Große Höhen haben eine tiefgreifende Wirkung auf die Reifung von Trauben und können gelegentlich auch eine echte Herausforderung für die Winzer darstellen, denn Wetter-Risiken wie Hagel und Frost bedrohen insbesondere im Frühjahr die Quantität und Qualität der Lese im Herbst.

Unter normalen Bedingungen nimmt die Lufttemperatur mit der Höhe ab. In trockener Luft können dies fast ein Grad Celsius pro 100 Meter sein. Bei Feuchtigkeit kann dieser Wert bis auf 0,4 Grad pro 100 Meter absinken. Als Faustregel kann man sagen, daß sich die Luft durchschnittlich um 6,5 Grad pro 1000 Meter Höhe abkühlt. Diese Werte gelten allerdings nur in den niederen Luftschichten bis zum Beginn der Stratosphäre. Daraus folgt, daß die Jahresdurchschnittstemperatur in höheren Lagen deutlich kühler ist, was zwangsläufig zu längeren Reifungszeiten der Trauben führt. Das verzögerte Wachstum bedeutet einen höheren Gehalt an Zucker, Extrakt- und Aromastoffen sowie an Polyphenolen (Anthocyane und Flavonoide). Unterstützt werden diese Prozesse noch durch von einem zweiten wichtigen Faktor in der Höhe: dem intensiveren Sonnenlicht, was die chemischen Synthesevorgänge in den Blättern und Trauben anregt. Die Beerenhäute der Trauben sind in höheren Lagen auch deutlich dicker. All das sollte, bei richtiger Ausnutzung der klimatischen Gegebenheiten im Hochlagen-Weinbau („Terroir d´altitude”) zu interessanteren und komplexeren Weinen führen und damit das höhere Ausfallrisiko durch meteorologische Katastrophen aufwiegen.

Von besonderem medizinischen Interesse bei Weinen aus Hochlagen ist die chemische Substanz Resveratrol. Sie kommt hauptsächlich in der Traubenschale und in geringeren Konzentrationen in den Traubenkernen, Stielen, Reben und Wurzeln des Weinstocks vor. Bekanntheit erlangte Resveratrol in den 1990er-Jahren als mögliche Erklärung für das »Französische Paradoxon”. Dieser Begriff besagt, daß in Frankreich die Herzinfarktrate um rund 30 bis 40 Prozent niedriger als in vergleichbaren europäischen Ländern und den Vereinigten Staaten liegt, obwohl die Franzosen mehr rauchen und eine eher cholesterinreiche Kost bevorzugen. Die daraus entstandene Hypothese war so einfach wie prägnant und publikumswirksam: der hohe Rotweinkonsum der Franzosen wirke kardioprotektiv (das Herz schützend). Verantwortlich dafür sei eine im Rotwein in hoher Konzentration vorliegende Substanz, nämlich das Resveratrol.

Resveratrol gehört zur großen Gruppe der Polyphenole. Diese sind Bestandteil des pflanzeneigenen Immunsystems. Ihre Hauptaufgabe ist der Schutz der Weintraube vor Pilz-, Bakterien- und Virusinfektionen sowie vor schädlichen Umwelteinflüssen, u.a. auch UV-Strahlung. Der höhere Anteil an UV-Strahlung in Hochlagen, möglicherweise sogar noch verstärkt durch das „Ozon-Loch”, regt die Polyphenol- bzw. Resveratrol-Synthese an. Hieraus erklärt sich der immer wieder nachgewiesene höhere Gehalt an Resveratrol in diesen Weinen. Produktionstechnisch bedingt hat Rotwein in der Regel einen höheren Gehalt als Weißwein, da hier die Maische länger beim abgepressten Saft bleibt. Das Polyphenol löst sich gut in Alkohol; dies erklärt, warum Wein immer deutlich mehr davon enthält als Traubensaft.  Aber auch in Rotweinen ist der Anteil von Resveratrol durchaus unterschiedlich, er liegt zwischen 0,1 mg bis zu 15 mg pro Liter. Viele der in unseren Weinhandlungen  verfügbaren Rotweine enthalten bis zu 6 mg Resveratrol pro Liter. Der Gehalt scheint auch in gewisser Weise rebsortenspezifisch zu sein, kann allerdings durch die Lagerung in Barriques schon nach einem Jahr um etwa die Hälfte wieder abgesunken sein.

Professor Roger Corder, Chef der Abteilung „Experimental Therapeutics” am William Harvey Research Institute in London hat herausgefunden, daß es in den bergigen Regionen von Nuoro auf Sardinien und in Georgien, Populationen von Menschen mit ungewöhnlich langer Lebenserwartung gibt. Er glaubt, daß diese Tatsache mit dem Weinkonsum aus den lokalen Hochlagen dieser Länder korreliert. Neben Resveratrol wurde noch eine Hemmung des s.g. Endothelin-1 durch Rotwein beobachtet. Endothelin-1 ist  ein Peptidhormon welches Gefässkontraktion und die damit assozierte Bildung von Atherosklerose bewirken kann. Systematische Untersuchungen zum Gehalt dieser Wirkstoffe in Weinen anderer Höhenlagen sind mir nicht bekannt.

Obwohl vieles dafür spricht, dass man die im Titel gestellte Frage mit “ja” beantworten kann, sollte man sich hüten mit diesen vorläufigen wissenschaftlichen Untersuchungen zur Vorbeugung von Herzerkrankungen für bestimmte Weine Reklame zu machen. Leider ist das in Argentinien unverantwortlicherweise geschehen und hat dadurch diese gesamte Forschung auf diesem Gebiet unberechtigt in Mißkredit gebracht.

2 Kommentare zu Ist Wein aus Hochlagen tatsächlich gesünder?