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Herbstanfang – ein Stimmungsbild aus dem Süden.

Astronomisch beginnt der Herbst am 23. September und ich möchte diesen Tag zum Anlass nehmen den Freunden von La Vineria ein kleines Stimmungsbild von dieser Jahreszeit in Spaniens Süden, genauer gesagt in den Alpujarras, zu geben.

Weinlese in den Alpujarras
Weinlese in den Alpujarras

Nur noch tropfenweise rinnt das Wasser aus dem Hahn des Brunnens. Im langen, heißen Sommer scheint das lebensspendende Nass versiegt zu sein. Die Berge sind mit goldgelbem Stroh bedeckt, sie sehen aus wie eine Löwenhaut,  so hat es Cees Noteboom einmal beschrieben. Dazwischen stehen die Mandelbäume mit ihrem noch immer zartgrünen Laubwerk. Unter ihnen haben die Bauern ein grünes Netz ausgebreitet und man hört sie mit langen Stangen an die Äste schlagen. Es wird eine gute Ernte, im Frühjahr hat es viel geregnet und die Sonne im Sommer hat die Nüsse gut reifen lassen. Dagegen haben die Feigen das regenarme Sommerklima übelgenommen und sind klein geblieben, auch gibt es wenig von ihnen. Aber mancher Feigenbaum, der einen günstigen Standort hat, trägt wunderbar süße und aromatische Früchte.  In ihnen ist der ganze Sommer konzentriert. Wie einzigartig ist doch die Feige! Sie bleibt nur am Baum über eine kurze Zeit geniessbar, es sei denn man trocknet sie an der Sonne. Aber was sind schon Trockenfrüchte gegen die saftigen Originale! Der Wein ist auch bald reif. Sein Laub beginnt sich zu färben. Neben noch saftig grünen Blättern erkennt man bereits manch gelbe und feuerrote. Die Leute hier mögen zuckerreiche Moste, denn der Alkoholgehalt ist das einzige Qualitäts-Kriterium, deswegen werden sie mit der Lese wohl noch etwas warten, während wir schon begonnen haben. Die reifen Früchte der Kaktusfeigen fallen zu Boden, beginnen dort zur gären und verströmen den feinen Duft von Alkohol, der wieder an den Wein erinnert.

Über all der reifen Natur wölbt sich ein stahlblauer Himmel und spendet verschwenderisch sein goldenes Licht. Aus der Schläfrigkeit des Sommers ist wieder Aktivität entstanden. Sie fahren mit kleinen Lastwagen durch die kurvenreichen Strassen der Alpujarras, beladen mit viereckigen Plastik-Kästen in denen sich die Ernte befindet. Oder sie gehen neben ihren mit gleicher Last schwerbeladenen Mauleseln. Überall sieht man Menschen in Bewegung, in den Feldern an den Mandelbäumen und gelegentlich auch schon in den Rebgärten. Die Frauen tragen bunte Kopftücher und lange Röcke, die Männer arbeiten häufig mit entblösstem Oberkörper. Immer wieder eröffnen sich Szenen, die an die Bauern- und Landschaftsbilder Goyas erinnern. Das scheinbar so lustige Treiben hat eine eigene Dynamik. Vor Einbruch der Dunkelheit brechen sie auf, packen ihre Sachen zusammen und unterhalten sich laut über die Erlebnisse des Tages, daß ein Stimmengewirr durch die Täler schwingt. Und dann, beinahe plötzlich, wird es stiller. Die Sonne ist hinter dem Bergrücken verschwunden, noch reflektiert der Himmel das goldene Licht. Aber bald glüht es kurz violett auf um in einen kalten Silberton überzugehen. Hier und da wird noch eine Stimme oder ein fernes Hundegebell vom Wind herübergetragen und dann ist Stille, bis zum nächsten Tag.

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