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Die Sinnlichkeit des Weinglases

Kelchglas aus dem 19. Jhrh

Meine Tante hatte mir ein paar alte Weingläser aus ihrer Familie vererbt. Es waren leuchtend rote Kelchgläser verziert mit gelben und roten Girlanden im Stile des Empire. In einer Vitrine sahen diese Objekte des 19. Jahrhunderts wunderschön aus, aber als Behältnisse für Wein waren sie nicht zu gebrauchen (siehe nebenstehende Abbildung).

Erstens sah man die Farbe des Weins nur verfälscht und unwirklich und zweitens waren sie zu dick und klobig am Mund, also blieben sie hinter der Glastüre und verstaubten langsam – bis ich kürzlich auf den Faksimiledruck eines kleinen Büchleins aus dem Jahre 1887 stieß. Es war von Dr. med. Borcherdt und trug den Titel: „Leibarzt für fröhliche Zecher – Ärztlicher Rat für Unmässige”; das Original stammt offenbar aus der Landesbibliothek in Stuttgart. Mein längst verblichener Kollege reiht sich mühelos in die Phalanx der weinkundigen Mediziner, die ihr Wissen freigiebig mit anderen geteilt haben.

Borcherdt war zweifelsohne ein Naturwissenschaftler, denn die Frage nach dem „Warum” steht in seinen Beiträgen durchweg im Hintergrund. So auch in dem Kapitel „Woraus sollen wir trinken?” Er beschreibt sehr treffend all die Prunkgläser und Pokale, die unsere Vorfahren zur Huldigung des Weines angefertigt haben. Er erwähnt sogar, dass Plinius, einer der Väter unserer Weinkultur, aus einem Gefäss trank, das nach dem Busen der schönen Helena geformt war. Ein früher Hinweis auf das ewige Thema „Wein und Erotik”. Schliesslich kommt der Verfasser aber zu dem Schluss, dass „alle diese künstlichen und kostbaren Gefäße nun nicht bewirken, dass dem Zecher das Getränk besser mundet, sondern sie lenken ihn im Gegenteil ab und hindern ihn, dem edlen Getränk seine volle Aufmerksamkeit zu schenken”. Der scharfe Analytiker Bochcherdt schliesst daraus: „Der Kernpunkt, den Geschmack des Getränks voll zur Geltung zu bringen, liegt nicht in der Köstlichkeit des Gefäßes, sondern es hängt davon ab, ob dessen Wände genügend glatt und dünne sind. Durchsichtig und klar muß das Gefäß sein.” Genauso sehen wir Weinfreunde das ja heute noch und bescheren mit dieser Einsicht der Familie Riedel ein Riesenvermögen.

Warum das, ganz besonders beim Wein, so ist erklärt er mit der ihm eigenen naturwissenschftlichen Präzision: „Wenn wir trinken, so ruht das Trinkgefäß auf der Unterlippe, während das Getränk über die Zunge rinnt und von dieser geschmeckt wird. Es gelangen also beim Trinken zwei verschiedene Reize zum Nervenzentrum, von denen der eine durch die Berührung der Lippe durch das Gefäß, der andere durch die Wirkung des Trunks auf die Zunge hervorgerufen wird. Nun aber ist die Lippe ein äußerst nervenreiches, mit höchst empfindlichem Tastvermögen ausgestattetes Organ. Die Wirkung eines Kusses, der den ganzen Organismus entflammt, beweist, welches Empfindungsvermögen in der Lippe schlummert.” Dass ein glattes, dünnes und feines Glas, in dem die Farbe des Weins kristallen reflektiert wird, eine angenehmere Empfindung auslöst als ein dickes und raues versteht sich von selbst.

Ein flüchtiger Blick in die Geschichte und ein unbekannter Mediziner haben uns die Sinnlichkeit des Trinkgefässes, auch ohne die von Plinius bevorzugten Formen weiblicher Anatomie, deutlich gemacht!

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