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Wein und Musik aus Spanien

„Wein und Musik aus Spanien” ist ein Gemeinschaftsprojekt. Die Klaviermusik gespielt von Prof. Makiko Takeda Herms wird durch den Wein „Cerro de la Retama 2006″ ergänzt, einer besonderen, einmaligen Abfüllung des Gutes „Los Barrancos” in der andalusischen Provinz Granada. Eigentümer der Kellerei und Winzer sind Isabel del Olmo und Dr. Peter Hilgard, vorort unterstützt vom Önologen César Ortega. Der Bildhauer Prof. Thomas Duttenhöfer hat das Stieraquarell auf dem Flaschenetikett und der CD-Hülle gemalt. Die graphische Gestaltung stammt von Clemens Hilger und Spiritus rector des gesamten Vorhabens ist der Schauspieler Alfred Herms. Nachfolgend der Text von Peter Hilgard im Beiheft der CD; teilweise wurde er bereits hier im WeinBlog veröffentlicht.

Wein und Musik

Es gibt einen geheimnisvollen Zusammenhang von Wein und Musik. Manchmal scheint ein Glas eines guten Weins beim Hören auf eine magische Weise die Musik zu beschreiben. Oder umgekehrt: die Musik verstärkt das Geruchs- und Geschmackserlebnis des Weins und rückt es in eine andere sinnliche Dimension. Franz Liszt berichtet von einer Begegnung mit Ricordi, seinerzeit der bedeutendste Musikverleger Italiens, in der er einen Hinweis auf die enge Beziehung zwischen Geschmacks- und Hörnerven gibt. Liszt spielte vor dem mächtigen Verleger auf dem Piano und erinnert sich danach: „Er hört mir zu und gerät in Feuer. Wie er mir später erzählte, hatte er noch nicht zu Mittag gegessen und war sehr hungrig. Die Begeisterung steigerte seinen Appetit. Er dachte an das Risotto, das auf ihn schon wartete.”

Wein ist etwas ausserordentlich romantisches. Dabei meine ich natürlich nicht den Reb- und Kellerkitsch à la Rüdesheim, der ja in vielen Weinbaugebieten der Welt helfen soll Weinseligkeit herbeizuzaubern. Vielmehr ist „das Romantische” in der Einstellung der Weingeniesser zu ihrem Objekt der Begierde zu suchen. Am Beginn der Epoche, die als „Romantik” in die deutsche Kunst- und Geistesgeschichte einging stand eine Definition von Novalis, die die Elemente des „Romantischen” charakterisieren sollte: Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es, schrieb er. Dies passt haarscharf auch auf die Sichtweise eines Weinfreundes, denn er stilisiert nicht selten den gemeinen vergorenen Traubenmost zum Nektar, ja gelegentlich wird regelrechter Göttertrank daraus. Das geheimnisvolle Ansehen bekommt der Wein durch die wunderbare Wandlung von einem süßen, nichtssagenden zu einem sehr schmackhaften und berauschenden Tropfen. Jedes Jahr entsteht ein neuer Wein, der wieder etwas völlig Neues darstellt und den somit die Würde des Unbekannten umgibt. Schliesslich geben die vielen transzendentalen Zuschreibungen – man denke an die Blutsymbolik in Religion und Volksglauben – dem Wein jenen unendlichen Schein, der seinen Glanz seit Jahrtausenden nicht verloren hat. Wie, im Gegensatz dazu, die Definition des Romantischen auf die Musik passt bedarf eigentlich keiner Erläuterung. Komponistengenerationen haben seit dem Beginn des19. Jahrhunderts bis heute ihre Musik im Sinne von Novalis „romantisiert”. Demnach scheinen beide Medien, der Wein und die Musik auf besondere Art einer romantischen Betrachtungsweise zugänglich zu sein. Gleiches gilt auch für die Beziehung beider zur Erotik, die sowohl dem Wein als auch der Musik eine weitere sinnliche Dimension verleiht. Richard Wagner hat dies in seiner „Mitteilung an meine Freunde” für die Musik sehr prägnant zusammengefasst: „Ich kann den Geist der Musik nicht anders fassen als in der Liebe” und der ungarische Schriftsteller Béla Hamvas setzt dagegen: „der Wein ist flüssige Liebe, ein flüssiger Kuß” und bestätigt damit auf seine Weise Friedrich Schiller, der in seiner “Dithyrambe”, einer Huldigung an Dionysos, dichtete

Kaum daß ich Bacchus den lustigen habe,
Kommt auch schon Amor, der lächelnde Knabe

Eine grandiose Huldigung an Wein, Musik und Erotik ist auch Tizians Gemälde „Das Bacchanal von Andros”, das im Madrider Prado zu bewundern ist und das José Ortega y Gasset folgendermaßen beschreibt:

„Der Himmel mit seinem kräftigen Blau, eine weiße Wolke in seiner Mitte, ist die Hauptperson. Von ihm zeichnen sich die Bäume, der kleine Berg, die Arme und Köpfe einiger Gestalten ab, und was immer er anrührt, wird frei von den Peinlichkeiten des Materiellen. Diesen friedlichen Winkel des Universums haben Männer und Frauen zur Daseinsfreude ausersehen. Man trinkt, lacht, plaudert, tanzt, tauscht Zärtlichkeiten und schlummert. Sämtliche biologischen Funktionen scheinen hier zur Würde zu gelangen, alle scheinen sie das gleiche Recht zu genießen. Nicht weit von der Mitte des Bildes hebt ein kleines Büblein sein Hemdchen hoch und macht ein Geschäftchen. Oben auf dem Hügel nimmt ein nackter Alter sein Sonnenbad, und vorne rechts reckt sich Ariadne im Schlaf, hüllenlos und weiß.” Der Dichter fährt dann fort: „Die Zechenden haben ihre Kleider abgetan, um auf warmer Haut die Liebkosung der Elemente zu verspüren, vielleicht auch aus dem heimlichen Trieb und Wunsch heraus, noch mehr mit der Natur eins zu werden. Und je mehr sie einschenken, mit um so klarerem Blick sehen sie die letzten Geheimnisse des Alls, die schöpferischen Formen aller Dinge sich ihnen offenbaren… Bei Tizian erhebt der Wein die rein organische Materie zu einer geistigen Kraft”.

Das Formen von Vokalen im menschlichen Kehlkopf stand nicht nur am Anfang der Sprache sondern vermutlich auch am Beginn der Musik. Als der Mensch die Welt betrat war sie voll von Tönen: rauschendes Wasser und das rhytmische Schlagen der Wellen am Ufer, Vogelgezwitscher, singende Nachtigallen, pfeifender Wind, knarrende Äste und Balken, das Summen der Bienen und Insekten, das Getrappel der Pferdehufe, das Zischen der Blitze und das Rollen des Donners. Irgentwann einmal fing der sprechende Mensch an aus den ihn umgebenden Tönen eine eigene Melodie zu formen, vielleicht zuerst zu summen und dann mit Lippen und Stimmbändern zu singen. So gesehen ist die Musik also ursprünglich, genau wie die Sprache, oralen Ursprungs. Mit dem Wort „oral” wird schon diskret angedeutet, daß hier möglicherweise Siegmund Freuds berühmte Trieblehre nicht allzu weit entfernt ist. Der Begriff der „oralen Phase” ist eine Konstante in der libidinösen Entwicklung des Menschen und aus der Befriedigung des oralen Triebes, den der Mensch ja sein ganzes Leben in mehr oder weniger starker Intensität beibehält, kann großer Genuß resultieren. Daraus ergibt sich, daß sowohl das Sprechen als auch das Singen und vermutlich auch das Musizieren, passiv oder aktiv betrieben, zur Lustbefriedigung dienen kann. Die Sprache ist schliesslich auch das einzige Kommunikationsmittel mit dem es einigermassen gelingt, die erlebten Genüsse zu beschreiben. Der orale Ursprung der Musik bedeutet aber noch etwas ganz anderes: die Zunge und der Gaumen sprechen und singen zwar, aber, ebenso wichtig, sie schmecken auch. Also ein und das gleiche Sinnesorgan ist in der Entwicklungsgeschichte des Menschen für die Evolution der Musik und des Geschmacks zuständig gewesen! Wen wundert es da, daß Musik und Geschmack wesensverwandt sind? Die Wissenschaft der Sinnesphysiologie handelt den Geruchs- und den Geschmackssinn immer zusammen ab, denn beide sind untrennbar mit dem sinnlichen Erlebnis des Geschmacks verbunden. Jede Geschmackswahrnehmung geht mit einer Geruchswahrnehmung einher. Was könnte diesen Zusammenhang wohl besser demonstrieren als ein guter Wein? Und noch etwas haben Wein und Musik gemeinsam: sowohl das eine wie auch das andere sind sinnliche Erlebnisse von schneller Vergänglichkeit. Wie die Töne im Raum verhallen, verflüchtigt sich der Geschmack am Gaumen. Zurück bleibt die Erinnerung an eine Emotion.

Der Komponist formt die Töne aus seiner Phantasie und die Synthese von Imagination sowie musikalisch-technischem Können ist die Grundlage seiner Tonkunst. Danach bedarf es des Interpreten, der das Werk vermittelt und anderen Menschen zugängig macht. Auch der Weinmacher ist in einem ähnlichen Sinne ein Künstler. Allerdings ist beim Wein die Natur der Komponist. Sie legt die Bedingungen während des Wachstumszyklus der Reben fest. Die Charakteristika der Rebsorte und das sogenannte „terroir” sind die Grundlagen die dem Weinmacher gleichsam als Töne zur Verfügung stehen und die er dann im Wein vermitteln und Geniessern zugängig machen muß.

Neben dem Olivenöl und dem Brot gehört der Wein zu den geheiligten Nahrungsmitteln der mediterranen Kultur. Ihm waren Gottheiten gewidmet zu deren Tempelfeiern immer Musik gespielt wurde. Auf den großen Dionysos-Festen im antiken Griechenland erklangen die Leiern und Auloien, jene klarinettenartigen Doppelrohrinstrumente, deren Bläser auf attischen Vasen häufig dargestellt wurden. Später, in Rom, begleiteten Tamburine, Becken und Pauken die berühmt-berüchtigten Bacchanalien. Man höre und staune: es gab den Tanz und Gesang der Bacchantinnen, in etwas abgewandelter Form, auch auf spanischem Boden, nämlich im moslemischen al-Andalus. Die Sängerinnen des Ibn al-Kattani in der kleinen Residenzstadt Albarracín begleiteten den offiziell verbotenen Weingenuß in seinem Palast. Weinlieder haben im übrigen über viele Jahrhunderte nicht nur dem Genuß zu huldigen versucht sondern auch die unseligen Folgen des übermässigen Weintrinkens zu entschuldigen bzw. oft genug auch zu verharmlosen.

Ausser der Verbindung von Musik und Wein, als Ausdruck einer ungehemmten Lebensfreude, gibt es aber noch jene eingangs erwähnte mystische Stufe des Genusses beider, d.h. die emotionalen Assoziationen von Wein und Musik. Als eines unter vielen anderen Beispielen für die sinnlichen Beziehungen sei die berühmte Champagner-Arie des Don Giovanni genannt. Die übersprudelnde Musik Mozarts führt nicht nur lautmalerisch die munter aufsteigenden Bläschen im Glas vor Augen sondern hinterlässt ganz nebenbei auch den fruchtig-prickelnden Geschmack eines „Dom Perignon” oder einer „Grande Dame” auf der Zunge. Verbindungen von Musik mit Duft- bzw. Geschmackserlebnissen sind in ihrer möglichen Zahl und Intensität schier unendlich und es verwundert, daß man nicht schon längst einen Begriff, wie z.B. „Ton-Gourmandise” (analog zur „Lautmalerei”) dafür gefunden hat. Weinfreunde, die Freude an der Musik haben, wissen natürlich, daß etablierte Begriffe der deskriptiven Weinsprache häufig auch auf die Musik passen. Man denke nur an Eigenschaftswörter wie „ausdrucksvoll”, „elegant”, „feurig”, „gefällig”, „harmonisch”, „kräftig”, „lebendig”, „leicht”, „markig”, „rassig”, „schwer”, „tief”, „voll”, „wuchtig” und „zart”. Alleine der Klang dieser Worte, die eigentlich Charaktereigenschaften des Weins beschreiben sollen, ruft musikalische Assoziationen hervor.

Spaniens Musik

Musikalische Eindrücke aus Spanien wurden von vielen europäischen Komponisten niedergeschrieben, u.a. von Franz Liszt, Michael Glinka, Nikolai Rimski-Korsakow, Claude Debussy und Maurice Ravel. Die Faszination, die die exotischen Klänge des in der Romantik erneut entdeckten Landes am Südwestrande unseres Kontinents auf die Musiker nördlich der Pyrenäen ausübte, trug auch dazu bei, daß sich den erstaunten Zeitgenossen eine der komplexesten Kulturen Europas wieder offenbarte.

Wenn man an spanische Musik denkt, fällt einem unwillkürlich die Gitarre ein und in der Tat, dieses Instrument hat maurisch-spanische Wurzeln. Das ursprünglich arabische Wort „qitarah” deutet auf die intensive maurische Musikkultur. Im 10. Jahrhundert, zwei Jahrhunderte nach der Eroberung der iberischen Halbinsel, haben die über die Strasse von Gibraltar eingewanderten, neuen moslemischen Bewohner das Saiteninstrument in ihre neue Heimat gebracht. Damals glich es noch eher einer Laute (arab.: oud = „Holz”), Die Gitarre ist von der Spieltechnik her ein Zupfinstrument. In der Renaissance hat ihre Vorform, die „vihuela” dann erstmals auch internationale Bedeutung erlangt. Wie im übrigen Europa, wurde am Hofe von Isabella und Ferdinand, den Katholischen Königen, sehr viel musiziert, eigenständige Tondichter hat das Land aber erst in der Spätromantik hervorgebracht. Im Rahmen der Besinnung auf das nationale musikalische Erbe haben sich die Komponisten um die traditionellen Melodien gekümmert. Tänze und Lieder aus dem reichen Schatz der Volksmusik wurden wieder ausgegraben. Aufgrund seiner vielschichtigen historischen Vergangenheit, hatte Spanien einen großen Fundus aus dem die Komponisten schöpfen konnten: die Melodien der Mauren haben ebenso wie die jüdischen Romanzen oder der „cante jondo” (Flamenco) der Zigeuner tiefe Spuren hinterlassen.und die nationale Musik hat die musikalischen Elemente der drei Hochkulturen Spaniens schliesslich zu einem Ganzen zusammengefügt. Das jahrhundertelange Zusammenleben der drei Religionsgemeinschaften, den Moslems, den Juden und den Christen hat in Spanien tatsächlich einmal funktioniert und jede dieser drei Gemeinden hat eine kulturelle Blüte sondergleichen erlebt. Einzige Zeitzeugen dieser glanzvollen Tage sind noch einige wenige architektonische Denkmäler. Neben den pompösen Baustilen nordeuropäischer Epochen wie der Renaissance und des Barock finden wir die zierlichen Mudejar-Türmchen, die große Freitagsmoschee von Cordoba und Reste anderer islamischer Gotteshäuser sowie das filigrane Wunder der Alhambra in Granada. Daneben gibt es noch ein paar wenige jüdische Bauten wie die Synagogen aus den 13. und 14. Jahrhundert, z.B. in Toledo. Der Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling stellte im Jahre 1859 fest, daß Architektur erstarrte Musik sei, und beim Betrachten der eben genannten Bauwerke haben sich auch viele spanische Komponisten inspirieren lassen, wie manch ein Werkstitel sehr deutlich verrät.

Beinahe gleichzeitig mit dem Untergang des Maurenreiches am Ende des 15. Jahrhunderts wurde das erste Tasteninstrument mit Hammermechanik entwickelt. Dieses Clavicord, ebenfalls ein Saiteninstrument, beruhte auf einem der Gitarre entgegengesetzten Mechanismus: die Saiten wurden nicht gezupft sondern mit Hämmern angeschlagen. Die Töne des frühen Hammerklaviers klangen mechanischer und gleichförmiger, aber es bestanden dennoch viele Ähnlichkeiten mit der Gitarre. Der eigentliche Begründer des nationalspanischen Musikstiles, Isaac Albéniz, hat vorwiegend für den modernen Konzertflügel geschrieben und viele seiner Kompositionen sind später von berühmten Gitarristen, wie z.B. Francisco Tárrega, für ihr Instrument transkribiert worden. Nicht anders war es bei Enrique Granados, einem ausgezeichneten und sehr erfolgreichen Pianisten. Auch ein Großteil seiner Werke wurde für die klassische, spanische Gitarre umgeschrieben und diese gehören seither zum Standardrepertoire aller großen Gitarristen. Die harmonischen und rhythmischen Eigentümlichkeiten sowie der Klang und die Farbe spanischer Musik wurden bei vielen ursprünglich für das Klavier geschriebenen Kompositionen in der Gitarrenfassung fast deutlicher als im Original. Das Timbre der Gitarre war wohl oft genug auch die Quelle der musikalischen Inspiration des spanischen Musikers. Selbst wenn die Musik auf einem modernen, technisch ausgereiften Klavier gespielt wird, glaubt der Zuhörer oft genug eine Gitarre hinter der poetischen Wehmut und Melancholie der Töne zu hören.

Spaniens Wein

Wie bei der spanischen Musik kann man auch beim Wein von einer Charaktereigenschaft sprechen, die allen Weinen des Landes gemein ist. Wie drückt sie sich aus? Wenn man von einigen Spezialitäten wie z.B. dem Sherry, absieht, können wir getrost für die meisten Weine „typische” Vinifikationsmethoden als spanisches Charakteristikum ausschliessen. Mittlerweile hat sich überall moderne Kellertechik durchgesetzt und damit gibt es bei der Technik des Weinmachens keine großen Unterschiede mehr zwischen vergleichbaren Weinen anderer Anbauländer. Die Franzosen schwören Stein und Bein darauf, daß das wichtigste für einen Wein das „terroir” sei, d.h. all jene Umstände die die Spezifität des Bodens, des Klimas und der Landschaft ausdrücken. Die Spanier nennen dies „terruño” und allein die Existenz des Wortes gebietet, daß es mit einer Bedeutung und einem Sinn ausgefüllt wird. Der Transparenz und Einfachheit halber sollen die Worte„terroir” bzw „terruño” als Zusammenfassung der Trias Boden, Klima und Landschaft gedeutet werden. Es ist einleuchtend, daß sich die Zusammensetzung der Böden je nach ihrer geologischen Herkunft unterscheidet. Es sind nicht nur die Nährstoffe und Mineralien der Erde, die für den Rebbau wichtig sind und die Typizität einer besonderen Lage ausmachen, sondern auch ihre Durchlässigkeit und Speicherfähigkeit von Wasser. Komplexer noch ist das Klima, denn es hängt eng mit der geographischen Lage der jeweiligen Rebgärten zusammen. Das „terroir” ist, verglichen mit der Musik, wie der Melodienschatz des Landes, aus dem der Wein entsteht. Was die Landschaft betrifft so muß man sich vor Augen halten, daß Spanien in der mittleren Höhe des Landes alle anderen europäischen Länder, außer der Schweiz, übertrifft. Der große Biograph Spaniens, Salvador de Madariaga, hat das Land mit einer Burg verglichen, deren Zitadelle das zentrale Tafelland, die Meseta, ist. Dieses Hochplateau gibt dem Land seine typischen Züge, Höhe, Kargheit und Weite. Was der spanischen Weinkultur, trotz aller Unterschiede der vielfältigen „terroirs”, einen eigenen und unverwechselbaren Charakter gibt, sind die landestypischen Rebsorten, die wesentlich den Charakter der Weine mitbestimmen. Die Trauben, die die Grundlage der Weine bilden, sind gleichsam das Instrument auf dem der Winzer spielen kann. Allen voran steht der „Tempranillo”, Spaniens Stradivari unter den roten einheimischen Sorten.

Der Ursprung des Tempranillo liegt im Dunkeln, aber es ist sehr wahrscheinlich, daß er aus der Rioja stammt. Es gibt Wissenschaftler, die eine Verwandschaft zum Pinot Noir aus dem Burgund oder dem Cabernet Franc von der Gironde festgestellt haben wollen. Sie nehmen daher an, daß der Tempranillo, wie viele andere Rebsorten, entlang des Jakobsweges im 15. oder 16. Jahrhundert aus den Weingärten der Klöster von Cluny und Citaux an den oberen Ebrolauf gekommen ist. Eine sehr charakteristische Eigenschaft der Rebsorte ist die verhaltene Säure ihres Mostes und der sehr fruchtige Brombeergeschmack der Schalen. Bei der Gärung von Tempranillo-Mosten entsteht immer relativ viel Glyzerin, welches für die verführerisch samtige Struktur der Weine verantwortlich zeichnet. Etwas vereinfacht gesagt, stabile Farbe, Frucht und das seidig-samtige am Gaumen sind die typischen Gemeinsamkeiten fast aller Tempranillo-Weine. So ist es auch beim „Cerro de la Retama 2006″, Edición epecial. Er stammt aus den höchsten Rebgärten der Iberischen Halbinsel (1300 m ü.M.), sie liegen auf einem Bergrücken zwischen der Sierra Nevada und dem Mittelmeer in der Provinz Granada. Seine Trauben sind in den beiden Einzellagen „Los Felipes” und „La Ventilla” gelesen worden. Der Wein wurde 9 Monate in neuen Barriques aus französischer und amerikanischer Eiche ausgebaut. Das Geschmackserlebnis des „Cerro de la Retama 2006″ ist durchaus vergleichbar mit dem Hörerlebnis der spanischen Gitarre bzw. der spanischen Klaviermusik: zarte, einfühlsame, den Sinnen schmeichelnde Töne entwickeln sich zu einem Klang-/Geschmacksfeuerwerk sondergleichen.

Der Stier

Im Bewusstsein von uns Europäern wird der Stier mit Spanien identifiziert und der Stierkampf, so das gängige Klischée, sei die ultimative Darstellung der spanischen Volkssele. Allerdings gibt es die „corridas” (Stierläufe, fälschlich mit „Stierkampf” übersetzt) erst seit dem Beginn der Neuzeit, historisch gesehen eine relativ kurze Zeit, auf der Iberischen Halbinsel. Schriftsteller, Maler und Bildhauer fühlten sich zu allen Zeiten von der Ästhetik des Stieres in der Arena angezogen und haben versucht die dort erlebten Bilder auf ihre individuelle Weise zu interpretieren. Viele Vorstellungen vom Mythos Stier wurden bemüht und gar eine Verliebtheit in den Tod wurde dem spanischen Volk angedichtet. Wer sich mit den vielen Legenden und Mythen des Landes beschäftigt, findet darin zwar tatsächlich häufig den Stier, aber immer nur in seiner uralten und in vielen Kulturen vorkommenden Symbolhaftigkeit, die das männliche Prinzip in der Natur, die zeugende Kraft und den Eros ganz allgemein ausdrückt. So steht er auch als schwarze Silhuette auf den Erhebungen längs der Landstrassen und Autobahnen des Landes. Einst machte die vom Graphiker Manuel Prieto Benítez 1956 entworfene Werbefläche für eine Sherry-Firma Reklame und heute ist sie nationales Kulturgut. Trotz verschiedener kulturhistorischer Hinweise auf den persischen Mithras-Kult, in dem der Stier eine mythische Rolle spielt, gibt es Mystifizierung oder gar Anbetung des Stieres in Spanien nicht. Es ist das Schauspiel, die Schönheit bzw. die Ästhetik der agierenden Körper, die viele Künstler, so auch Thomas Duttenhöfer, faszinierten. In der gezähmten, vernünftigen Welt, in der wir leben, kann das wilde, animalische und seine Bändigung nicht mehr offen auftreten, geschweige denn gelebt werden. Es ist – aus soziologischer Sicht völlig berechtigt – in den Bereich der unterdrückten Emotionen verbannt worden. Das Muskelspiel des Stieres, der die Erregung ausdrückende, glänzende Schweiß auf seinem Fell, die Eleganz und Kraft der extatischen Bewegungen, das alles zusammengenommen vermittelt intensive Sinnlichkeit. Nicht umsonst nahm Dionysos, der Gott des Weines, in der griechischen Sage häufig die Gestalt eines Stieres an und wen wundert es, daß bei den „corridas”, wie bei den Dionysos-Festen, auch die Musik dabei ist. Wenn der Pasodoble von den Trompeten im 2/4 Takt geschmettert wird, greift manch einer der begeisterten Zuschauer zur mitgebrachten „bota”, jenem berühmten Lederbeutel, der allen Freunden Sancho Pansas im Don Quijote bekannt sein dürfte, und gönnt sich einen tiefen Schluck Wein, dessen Name vielleicht sogar „Stierblut” (Sangre de Toro) lautet.

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