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Die Gesellschaft der Weintrinker (3)

Die Wurzeln der Beziehung des modernen Menschen zum Wein

Bei der Betrachtung meines Themas möchte ich, in guter deutscher, akademischer Tradition, beim Grundsätzlichen anfangen. Wie wir aus den einschlägigen Werken der Historiker erfahren, ist der Wein ein fester Bestandteil der abendländischen, vorwiegend der mediterranen Gesellschaft und Kultur. Ja, die Geschichte geht vielleicht sogar noch wesentlich weiter zurück. Wie Robert Dudley von der University of California in Berkeley uns lehrt, spielt in der Entwicklungsgeschichte vieler Lebewesen Alkohol (Äthanol) eine wichtige Rolle als Geruchssignal. Als Ergebnis von Gärprozessen, bei denen Zucker in Alkohol umgewandelt wird, findet sich Äthanol praktisch immer in reifen Früchten und zeigt damit an, daß das Obst zum Verzehr geeignet ist. Viele Vögel und auch manche Säugetiere ernähren sich bekanntlich von Früchten und benötigen in ihrer Nase dieses biologische „o.k.” um sich dem Genuß hingeben zu können. Vom Gesichtpunkt der Evolutionstheorie wird daher vielleicht verständlich warum der Alkohol auch auf den Menschen so eine Anziehungskraft ausüben kann und warum er diese Bedeutung in unserer Kultur erlangt hat.. Aus der langen Geschichte des Weins folgt, daß sich eine „Soziologie der Weintrinker” schon durch die Jahrtausende ziehen muss. Zu allen Zeiten wurde der Wein nämlich von bestimmten gesellschaftlichen Gruppen getrunken und geliebt. Aber es gab immer auch Menschen, die seine Wirkung, den Rausch, und damit seinen Konsum, strikt ablehnten.

Natürlich war es nicht ausschliesslich der Wein, der den Menschen in grauer Vorzeit zum Siedeln bewog, aber er war ganz sicher eines von mehreren Motiven. Aus diesem Grund können wir ihn mit gutem Recht tatsächlich als einen Antrieb zum Entstehen von Zivilisation im weitesten Sinne betrachten. In der biblischen Darstellung war Noah der erste Weinbauer. Nach dem Zurückweichen der Sintflut landete er mit seiner Arche am Berg Ararat im Taurusgebirge, in der heutigen Osttürkei. Dort pflanzte er einen Weinberg. „Er trank von dem Wein, wurde davon trunken und lag entblößt in seinem Zelt.”, so ist im ersten Buch Mose zu lesen. Viele tausend Jahre später, auf Tizians grandioser Huldigung an den Wein, dem „Bacchanal von Andros”, geniessen entblösste Menschen den Wein und symbolisieren damit die Sinnlichkeit beim Weintrinken, die offenbar auch schon Noah erfahren hatte. Sein Name, der gelegentlich auch Noach geschrieben wird, stammt aus dem Hebräischen und heißt „Mann der Ruhe”, was vielleicht auf seine „Siesta” nach dem Weingenuß im Zelt hinweist. Einen ersten Höhepunkt sollte die Weinkultur dann zwischen dem 3. und dem 2. Jahrtausend vor Christi in Ägypten erfahren. Der Wein war seinerzeit, und blieb bis zu den Zeiten der Griechen und Römer, weitgehend das Getränk der Oberschichten. Wein tranken nur die Prinzen und Adeligen am Hofe der Pharaonen sowie die reichen Privatleute und die Tempelpriester. Im religiösen Zeremoniell spielte der Wein damals eine bedeutende Rolle, sei es als Trankopfer für die Götter oder als Grabbeigabe für die Toten zum Gebrauch im Jenseits. Schon in seiner Frühzeit wurde dem Wein demnach eine transzendente Bedeutung zugeschrieben.

Als Zwischenbemerkung sei in diesem Zusammnehang erwähnt, daß wir vieles unserer Kenntnis von der Geschichte des Weins und anderer Getränke der s.g. „archäologischen Chemie” verdanken, die sich in den vergangenen 20 Jahren rapide entwickelt hat. Jahrtausende alte Essensreste, Perfums, Farbstoffe und andere organische Materialien können heute mit empfindlichen Methoden entdeckt und analysiert werden. Das Spektrum dieser Untersuchungen reicht von der Natur des berühmten Purpur, das den Phöniziern ihren Namen gegeben hat, bis zu den ersten vergorenen Getränken wie Bier und Wein. So gelang es die biokulturelle und technologische Entwicklung unserer Lebensgewohnheiten bis in die Frühgeschichte der Menschheit zu verfolgen. Diese Entdeckungen helfen uns heute ganz wesentlich, auch die Gesellschaftsstruktur der Geniesser von damals zu analysieren und zu verstehen. Die Art der Gefässe, die Häuser bzw. die Grabstätten in denen sie sich befanden und ihr einstiger Inhalt lassen ziemlich genaue Schlüsse zu, welche Personengruppen sie und wozu benutzt haben. So wurde langsam das Puzzle der Soziologie der Weintrinker früherer Jahrtausende zu einem wissenschaftlich fundierten Bild zusammengefügt und uns zugänglich gemacht.

Die Demokratisierung des Weintrinkens, wie wir sie auch heute kennen, fand zum ersten Mal im antiken Griechenland statt und erfuhr dann später in Rom ihre erste Globalisierung, d.h. ihre Ausdehnung über den ganzen Mittelmeerraum. Erstmals gab es Wein für alle sozialen Schichten, wenn auch mit z.T. erheblichen qualitativen Unterschieden. Sklaven und einfache Arbeiter bekamen häufig einen vergorenen Tresteraufguß zu trinken, der zu besonderen Gelegenheiten mit kleinen Mengen von richtigem Wein vermischt war. Derartigen Weinersatz tranken die armen Leute sogar noch am Beginn der Neuzeit. Unter dem Namen „Piquette” stellte man in Frankreich ein alkoholisches Getränk her, welches unter Zusatz von Wasser aus dem Mark der nach dem Pressen übriggebliebenen Weintrauben gewonnen wurde. Wir können nur ahnen, daß nicht der Geschmack sondern der Alkohol, der ja wie bereits erwähnt, in unserer Sprache auch voll Hochachtung „Weingeist” genannt wurde, die Triebfeder zum Genuß dieser fermentierten Aufgüsse war.

Demgegenüber genossen die römischen Senatoren und ihresgleichen aus den höheren Gesellschaftsschichten am liebsten den von Horaz besungenen „Falerner”. In vielen Regionen des römischen Reiches, in denen aus klimatischen Gründen kein Wein produziert werden konnte, verhinderte sein hoher Preis, daß er ein ernsthafter Konkurrent des verhältnismässig billigen – weil leicht und überall herstellbaren – Biers wurde. „Cervisia” nannte man das Gebräu aus Getreide, ein Name, der, leicht verballhornt, auf seinen göttlichen Ursprung hinweist: „Cereris vinum” (der Wein der Ceres). Ceres war die Schwester des Jupiter und Pluto und Göttin des Ackerbaus. Noch heute lebt das Wort im spanischem „cerveza” (Bier) fort. Übrigens, auch das deutsche Synonym für Getreide „Zerealien” bezieht sich auf die römische Göttin. In Rom stieg der Wein aufgrund der mit ihm verbundenen religiösen und kulturellen Assoziationen mit der Zeit wieder in den Rang eines exklusiven und in der Oberschicht begehrten Getränks auf. Selbst wenn er quer durch alle gesellschaftlichen Schichten genossen wurde, zeigten sich erhebliche soziale Unterschiede bezüglich der Qualität, die man sich leisten konnte. Nicht anders war es bei den gesellschaftlichen Anlässen, zu denen man ihn trank. Bei der Hochzeit einer Senatorentochter wurde etwas ganz anderes gereicht als beim selben Anlass in unteren sozialen Schichten. So ist es ja bis heute geblieben: Anlässlich der Hochzeit des spanischen Thronfolgers Felipe mit Letizia Ortiz holte sich das spanische Fernsehen einen sehr berühmten Winzer ins Studio nach Madrid, damit er die Weine beim Galaessen ausführlich kommentierte! Nichts zeigt deutlicher, daß die Weine – wie im alten Rom – auch noch im Jahre 2003 ein wichtiger Bestandteil des gesellschaftlichen Ereignisses selbst waren.

Trotz aller Exklusivität des Weins gehörten alkoholische Getränke in der Antike auch zur regelmäßigen Ernährung. Ein nicht unbeträchtlicher Anteil des täglichen Kalorienbedarfs wurde durch sie gedeckt. Diese „nutritiven Effeke” stellten eine notwendige Ergänzung der Kalorienzufuhr der Bevölkerung dar. Vergorener Getreideaufguss in Form von Bier lieferte wertvolle Nähr- und Mineralstoffe. Nicht anders war es beim Wein, der zudem weitere wohltuende Qualitäten aufwies. Man bedenke, daß ein Gramm Alkohol einen Nährwert von 7 Kilokalorien hat, und ein Glas Wein oder ein Glas Bier etwa 30 Gramm Alkohol entsprechen. Auf der Basis dieser Zahlen kann man gut verstehen warum es übergewichtigen Weinfreunden so schwer fällt abzunehmen. Aber auch unter diesen kalorienbeladenen, ernährungsphysiologischen Gesichtspunkten war Wein in der Antike keineswegs nur eine Alternative zum Bier. Er war viel mehr. Was ihn in auszeichnete, waren die bereits erwähnten kulturellen Zuschreibungen, mit denen man ihn versehen hatte. Wein wurde zum Bestandteil vieler religiöser und kultureller Bräuche und Vorstellungen. Man denke an die Dionysos-Feste und die Bacchanalien bei denen der Wein in einen Zusammenhang mit den grundlegenden Aspekten der menschlichen Existenz gebracht wurde. Sexualität und Fruchtbarkeit, das Leben mit seinen sozialen Beziehungen, und schliesslich der Tod, fanden sich im Mysterium Wein wieder. Vieles von dem ist bis zum heutigen Tag ganz eng mit dem Wein und seinem Genuß verbunden geblieben. Es ist wohl nicht übertrieben zu behaupten, daß die Kultur im alten Rom das bislang positivste Verhältnis zum Wein hatte. Die von Roderick Phillips gebrauchte Verwandlung des lateinischen Sprichwortes „in vino veritas” in „in vino societas” hat eine tiefe Berechtigung und fordert geradezu die Beschäftigung mit der „Soziologie der Weintrinker” heraus.

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