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Ein paar Gedanken zu Wein und Erotik

In der Partnerwahl spielt die Begierde, bzw. der Trieb der beiden Liebesobjekte, seien sie hetero- oder homosexuell, eine wesentliche Rolle. Demgegenüber gibt es eine Vielzahl von gesellschaftlichen Hemmungen bzw. sozial tabuisierten Sexualwünschen, die einer Triebefriedigung im Wege stehen. Eines der wichtigsten Kennzeichen unserer abendländischen Kultur ist ja bekanntlich die Schuld, bzw. das Schuldgefühl. Wir alle bekommen Schuldgefühle bereits in frühester Kindheit eingeflößt, die dann lebenslang als Selbstregulativ eines jeden Individuums fungieren. Nicht wenige dieser Schuldgefühle sind sexuellen Ursprungs. Die Tatsache, daß das Sexualleben unserer gesamten westlichen Gesellschaft im geheimen und verborgenen stattfindet, ist – glaube ich – bezeichnend. Und so ist es verständlich, daß auch in der frühen Phase einer beginnenden Partnerschaft Schuld und deren immer wieder aufs Neue stattfindende Überwindung eine ganz zentrale Rolle zufällt. Ein Wunsch der Menschheit war schon immer, über Mittel zu verfügen, die die Liebe so fördern, daß sie sich wie von selbst, ohne Hemmungen, erfüllt.

„Wie sich die Herzen
Wogend erheben!
Wie alle Sinne
wonnig erbeben!
Sehnender Minne
schwellendes Blühen,
schmachtender Liebe
seliges Glühen!”

So klingen die etwas schwülstigen Worte zu der exstatischen und erotischen Musik Richard Wagners als Tristan und Isolde vom Liebestrank getrunken haben. Ein uralter Traum der Menschheit ist in dieser Legende von den beiden Liebenden aus königlichem Geschlecht wahr geworden: ein Mittel das die Liebe zwischen zwei Menschen erweckt und so stark werden lässt, daß alle Hemmungen in Form von Schuldgefühlen überwunden werden. In der Wirklichkeit der Naturwissenschaft gibt es das natürlich nicht. Unendliche Generationen von Rezeptmischern haben trotzdem immer wieder versucht liebesfördernde Mittel, sogenannte Aphrodisiaka, herzustellen und manchmal scheinen sie sogar gewirkt zu haben. Sie haben gewirkt, weil das wichtigste Geschlechtsorgan des Menschen der Geist ist. Die Einbildung und die Phantasie spielen in der Sexualität eine immense Rolle.

Dabei hilft ganz eindeutig auch der Wein. Eine der hervorragenden pharmakologischen Wirkungen des Alkohols ist ja bekanntlich der Abbau psychischer Hemmschwellen. Die enthemmende Wirkung bewirkt indirekt jene Stimulation des Geistes von der wir schon gesprochen haben und so kann der Wein tatsächlich zu einem regelrechten Aphrodisiakum werden. Das Tête-à-tête, das vertrauliche Beisammensein, in einem kleinen Restaurant bei Kerzenschein und einer Flasche Wein, ist ja ein beliebtes Thema Hollywoods. Jean Baptiste Bernard Coclers, ein Maler des 18. Jahrhunderts hat eine sehr ähnliche Szene (Titel: „Ein Austernessen zu zweit”) in einem reizvollen Ölgemälde festgehalten. Damit es zwischen den beiden am Tisch auch wirklich funkt, hat er ihnen zum Essen, neben dem Wein, auch Austern, ein anderes, bekanntes (und wirkungsloses!) Aphrodisiakum, verordnet. Um jeden Zweifel über den Fortgang der Szene im Bild zu zerstreuen hat er zusätzlich gleich ein gemachtes Bett in den Hintergrund gestellt.

José Ortega y Gasset, der große spanische Philosoph, Historiker und Dichter, beschreibt und interpretiert das Bild „Bacchanal” von Tizian in dem der enge Zusammenhang von Wein und Erotik sehr deutlich ist. „Der Himmel mit seinem kräftigen Blau, eine weiße Wolke in seiner Mitte, ist die Hauptperson. Von ihm zeichnen sich die Bäume, der kleine Berg, die Arme und Köpfe einiger Gestalten ab, und was immer er anrührt, wird frei von den Peinlichkeiten des Materiellen. Diesen friedlichen Winkel des Universums haben Männer und Frauen zur Daseinsfreude ausersehen. Man trinkt, lacht, plaudert, tanzt, tauscht Zärtlichkeiten und schlummert. Sämtliche biologischen Funktionen scheinen hier zur Würde zu gelangen, alle scheinen sie das gleiche Recht zu genießen. Nicht weit von der Mitte des Bildes hebt ein kleines Büblein sein Hemdchen hoch und macht ein Geschäftchen. Oben auf dem Hügel nimmt ein nackter Alter sein Sonnenbad, und vorne rechts reckt sich Ariadne im Schlaf, hüllenlos und weiß.” Der Dichter fährt dann fort: „Die Zechenden haben ihre Kleider abgetan, um auf warmer Haut die Liebkosung der Elemente zu verspüren, vielleicht auch aus dem heimlichen Trieb und Wunsch heraus, noch mehr mit der Natur eins zu werden. Und je mehr sie einschenken, mit um so klarerem Blick sehen sie die letzten Geheimnisse des Alls, die schöpferischen Formen aller Dinge sich ihnen offenbaren… Bei Tizian erhebt der Wein die rein organische Materie zu einer geistigen Kraft”.

Ein großer Freund des Weins und ein profunder Kenner der Zusammenhänge von Alkoholgenuß und Liebe war William Shakespeare. Die nachfolgende Szene aus Macbeth (erster Aufzug, zweite Szene) weist ihn als scharfen Beobachter und Analytiker menschlichen Verhaltens aus. Der Edelmann Macduff kommt morgens früh im schottischen Schloß Inverness an und findet den Pförtner noch schlafend. Es entwickelt sich folgender Dialog, der in der großartigen Übersetzung von August Wilhelm von Schlegel und Ludwig Tieck folgenden Wortlaut hat:

Macduff: „Kamest du so spät zu Bett, Freund, daß du nun so spät aufstehst?”
Pförtner: „Mein Seel, Herr wir zechten, bis der zweite Hahn krähte; und der Trunk ist ein großer Beförderer von drei Dingen.”
Macduff: „Was sind denn das für drei Dinge, die der Trunk vorzüglich befördert?”
Pförtner: „Ei, Herr, rote Nasen, Schlaf und Urin. Buhlerei befördert und dämpft er zugleich: er befördert das Verlangen und dämpft das Tun. Darum kann man sagen, daß vieles Trinken ein Zweideutler gegen die Buhlerei ist: es schafft sie und vernichtet sie; treibt sie an und hält sie zurück; macht ihr Mut und schreckt sie ab.”
Die Weisheit des Pförtners beschreibt die Pharmakologie des Wein- und des Alkoholgenusses haargenau. In kleinen Dosen wirkt er erotisierend und anregend, in größeren Mengen dämpfend, stumpf und müdemachend.

 

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